Helvetischer Mumpitz
3 Comments Published by senordaffy Oktober 26th, 2005 in Kollegenschelte, Science vs. Junkscience, TagespolitikIn der wunderschönen Schweiz ist fast alles besser als hierzulande – insbesondere die Presse. Die mir dann aber zu berichten weiß, daß schweizerische Agrarpolitik ziemlich genau derselbe Mumpitz ist, wie deutsche oder französische. Aus der weltbesten deutschsprachigen Publikation Weltwoche:
Viel Muh, wenig Mühe
Von Markus Somm
Wer Biomilch trinkt, wird gemolken. Und was tut der Konsumentenschutz dagegen? Er stellt die Biobauern unter Artenschutz. Natürlich ist das nicht.
Eine aufwändige Studie der Universität Bern hat ergeben, dass Biomilch und herkömmliche Milch von genau gleicher Qualität sind. Angesichts des Preisunterschieds von an die 20 Rappen pro Liter ist das erschütternd genug. Schlimmer aber war die Reaktion der interessierten Kreise. Für die Bio Suisse, eine private Organisation, die es geschafft hat, die Bio-Richtlinien des Bundes mehr oder weniger im Alleingang zu bestimmen, gibt es keinen Anlass zur Selbstkritik. Die Konsumenten kauften Biomilch sowieso nicht, weil sie glaubten, damit gesündere Milch trinken zu können, liess man verlauten. Sondern aus altruistischen Motiven. Aus Liebe zum Tier, das es schöner habe und besseres Futter bekomme. Abgesehen davon, dass laut Studie Bio-Kühe systematisch unterfüttert werden, wundert man sich, woher Bio Suisse so gut weiss, warum ein Konsument bereit ist, für Bioprodukte mehr zu bezahlen. Man gewinnt den Eindruck, Bio Suisse kennt weder seine Kunden noch seine Kühe. Zudem hat die Organisation selbst suggeriert, man biete bessere Milch an: «Voraussetzungen für eine Milch von hoher Qualität sind die artgerechte Haltung und die Fütterung der Tiere mit Raufutter», schrieb Bio Suisse im Frühling. Das kann nichts anderes heissen als: Wer sein Vieh anders füttert, produziert Milch von geringerer Qualität.
[...]
Bio ist keine Garantie für ernährungsphysiologisch wertvollere Produkte. Wer auf Bio setzt, macht ein politisches Statement. Das sei erlaubt, bloss fragt sich, warum der Staat das fördern muss. Bauern, die auf Bio umstellen, erhalten höhere Subventionen. Mit dem durchaus vertrauten Effekt, dass derzeit viel zu viel Biomilch produziert wird. Das Angebot übersteigt die Nachfrage bei weitem – Sommarugas Aufmunterungen zum Trotz. Um den Überschuss abzubringen, werden bloss etwa siebzig Prozent der hergestellten Biomilch als solche deklariert, den Rest verkaufen die Bio-Bauern als normale Milch.Bio ist eine Glaubensfrage. Eine neue, konservative Religion ist am Entstehen, wie einige Bio-Bestimmungen verraten. So ist es Bio-Bauern im Obstanbau untersagt, Schädlinge mit neuesten synthetischen Stoffen zu bekämpfen. Stattdessen spritzen sie Kupfer, eine alte Methode, die nur deshalb als Bio gilt, weil sie alt ist. Dabei weiss man längst, wie schädlich diese Schwermetalle sind. Was im 18. Jahrhundert en vogue war, gilt offenbar als natürlicher als die Errungenschaften der ungeliebten Moderne. Nach dem Modell der Subsistenzwirtschaft sind Bio-Bauern gehalten, möglichst alles für ihre Tiere selbst zu produzieren. Bloss zehn Prozent des benötigten Futters darf ein Natur-Bauer zukaufen. Die Tauschwirtschaft, der Markt, ist den Bio-Priestern suspekt. Wer Bio kauft, optiert für ein marktskeptisches Gesellschaftsmodell.
Zweitens. Nicht weniger skeptisch als die Bio-Bewegung steht der Konsumentenschutz der Marktwirtschaft gegenüber. Im Zweifelsfall hilft man lieber jenen, die sich durch irgendwelche Regulierungen vor unliebsamer Konkurrenz schützen wollen. Denn nichts anderes bewirkt das Bio-Label.
Das kommt mir alles sehr bekannt vor…
Aus Gründen der Vollständigkeit sollte man bei den Ländern mit gloreicher Agrarpolitik noch mindestens alle EU-Länder mit mehr als 10 Landwirten und die USA nennen.
Darüber hinaus wird wieder mal allein auf die Qualität des Produkts und nicht auf die Qualität der Produktion abgestellt. Ich halte es aber nicht für abwegig, dass dies bei der Konsumentscheidung auch ein gewichtige Rolle spielen kann.
Im übrigen ist ja grade die Konsumentensouveränität ein wesentliches Merkmal der Marktwirtschaft. Und das bedeutet, dass der Konsument selbst entscheiden darf, was er kauft und was ihm beim Kauf wichtig ist. Kein Landwirt ist gezwungen nach Bio-Kriterien zu wirtschaften und kein Konsument ist gezwungen, das zu kaufen. Aber jeder darf es, wenn er möchte. Ich würde das “liberal” nennen.
@FG
“Kein Landwirt ist gezwungen nach Bio-Kriterien zu wirtschaften und kein Konsument ist gezwungen, das zu kaufen.” Aber der Steuerzahler wird gezwungen, diesen Quatsch zu bezahlen: “Bauern, die auf Bio umstellen, erhalten höhere Subventionen.” Und das nenne ich nicht liberal.
Ja, scheint ja interessante Artikel in der Weltwoche zu geben. Aus Neugierde hab ich mal ein 10 Wochen Abo bestellt, von dem ich seit Monaten nüschts gehört hab…tolle Zeitung auch.