Einmal jährlich bekomme ich einen Brief vom örtlichen Energiemonopolisten, in dem er mir sinngemäß mitteilt, dass es ihm leid täte, es sei aber nicht seine Schuld und irgendwer müsse ja auch das Gift und die Kugeln für kritische russische Journalisten bezahlen und die Riesenrendite der Zahnwälte und Landwirte, die ihre Grundstücke mit Vogelshreddern oder überteuerten Solarpaneelen pflastern und da sei die Wahl nun auf mich gefallen. Deshalb möge ich bitte alle Konten bis zum Anschlag überziehen und ein paar Fantastilliarden für bereits bezogene Energie überweisen und mich übrigens darauf einstellen, dass im kommenden Abrechnungsjahr meine monatliche Abschlagszahlung höher sein wird als mein real verfügbares Einkommen.
Vor die Wahl gestellt, im Sommer auf meine Klimaanlage zu verzichten oder ein Zimmer zu entbehren, entschied ich mich deshalb vor Jahren dafür, mir einen Mitbewohner zu suchen. Bisher dachte ich, ich hätte einfach Glück gehabt bei der Auswahl, doch nun weiß ich, wieso ich meine Wohnung nie mit unangenehmen Leuten teilen musste: Mein Angebot ist konkurrenzlos gut! Diese Erkenntnis verdanke ich einem guten Freund, der derzeit auf Zimmersuche ist und mir schonungslos von seiner Odyssee berichtete.
Wer ein beliebiges Anzeigenblatt bei den Mietangeboten aufschlägt, findet dort nur und ausschließlich Lügen. (Bei Partnergesuchen ist das vermutlich ähnlich, weshalb die „neon“ seit Jahren die Rubrik „ehrliche Kontaktanzeigen“ führt. Hier annoncierte mal ein neunzehnjähriger Freiburger einen Satz, der mich – wäre ich ein Mädel oder wir beide schwul – sofort dazu bewogen hätte, ihm zu antworten: „Ich mag die Natur nicht. Sie ist so unaufgeräumt. Überall liegen Stöcke rum.“ Wo darf ich unterschreiben?!) Ehrliche Wohnungsangebote sähen so aus:
„Ideal für Studenten ohne Freunde: Großes Zimmer (45qm) mit eigenem Bad und Balkon im ersten OG ab sofort für nur 200 Euro monatlich zu vermieten! In der Peripherie von Arschlochingen stört niemand beim lernen, denn mangels einer brauchbaren Busverbindung kommt keiner jemals zu Besuch. Solltest Du auch nur einmal monatlich den Bus verpassen und ein Taxi nehmen müssen, könntest Du vom Fahrpreis Zins und Tilgung einer zentral gelegenen Einzimmereigentumswohnung finanzieren. Aber wieso sollte Dir das passieren? Da Dich keiner mag, hält Dich auch keiner auf.“
„30qm Altbau in Dreier-WG ab März: 300 Euro. Wir haben ein großes Bad, zwei Toiletten und eine gemütliche Küche. Leider haben wir aber keine Putzfrau. Kennst Du diesen Geruch, bei dem man nie weiß, ob er von Parmesan oder Erbrochenem herrührt? Naja, man gewöhnt sich dran.“
„Ich bin DER Andreas und ich suche eine/n MitbewohnerIn. Das zu vermietende Zimmer ist 30qm groß und hat einen eigenen Balkon. 250 € inkl. aller Nebenkosten sowie Tel. & DSL-Flatrate. Neubau, BJ 2006 in bester Lage. Ich spiele DIE Gitarre und DAS Harmonium. Meine Angewohnheit, DIE bestimmten Artikel zu häufig zu verwenden ist keineswegs meine am wenigsten erträgliche Eigenschaft: Für DAS Studium DER Medizin habe ich mich nicht entschieden, weil weiße Kittel auf erwachsene Frauen dieselbe Wirkung haben wie der Name Kaulitz auf Teenager. Realiter habe ich einen Helferkomplex. Dieser geht einher mit einem Faible für beschissene Entwicklungsländer – besonders in Südamerika – die ich regelmäßig bereise. Natürlich mit DEM Rucksack, weil ich ein furchtbarer Geizknochen bin. Dass DER Papa Chefarzt ist, muss ich ja den armen Leuten in der Dritten Welt nicht mit dicken Trinkgeldern unter die Nase reiben, das würde auch DEN Sozialneid schüren. Die Tatsache, dass ich weder erlernte noch instinktive Fähigkeiten DER Fotografie besitze, hält mich nicht davon ab, bei jeder Reise Hunderte Bilder von belanglosen und uninteressanten Menschen und Orten zu schießen. Die führe ich dann meinen Freunden und auch Dir, lieber künftiger Mitbewohner stundenlang vor.“
„Lässige 6er-WG sucht netten Mitbewohner/in für 15-qm-Zimmer ab Oktober, 250€ warm, frag am Tel. nach Daniel. Daniel ist Mitte vierzig, promovierter Philosoph und Gelegenheitstaxifahrer, hauptberuflich ist er aber Hauptmieter. Denn Daniel wohnt seit 25 Jahren in der Bruchbude und zahlt deshalb eine lächerlich günstige Miete. Im Gegenzug hat der Vermieter konsequent jede Renovierung unterlassen. Die Prilblumen auf dem Boiler sind nicht retro sondern original. Statt einer Zentralheizung gibt es Öfen in den Zimmern, das Wasser im Boiler reicht bei sparsamer Verwendung für drei Duschgänge. Dafür gibt es einen Duschplan. Und einen Putzplan und einen Spülplan und natürlich einen Einkaufsplan. Jeden Monat gehen zwei komplette Tage dafür drauf, auszurechnen und zu diskutieren, wer nun wem dreiachtundvierzig schuldet. Danach ist die Stimmung erst mal angespannt. Aber Daniel ist echt total umgänglich. Außer, jemand klaut sein Oettinger.“
„Keine Zweck-WG. 20qm renovierter Altbau in bester Lage ab sofort für 150€ warm an nette Mitbewohnerin zu vermieten. Und in sechs Wochen vermutlich wieder, denn die Fluktuation ist recht hoch, da ich (26, urogenital ungepflegter Informatiker) das Zimmer nutze, um überhaupt mal mit Mädels in Kontakt zu kommen. Eines Tages finde ich so die richtige.“
„Einzimmerappartements, Neubauprojekt im mediterranen Stil, 20 – 25 qm, Fertigstellung im Mai 2008 zur Eigennutzung oder als Kapitalanlage. Wir sehen ihre studierenden Nachwuchs schon in diesen hellen, modernen Wohnungen! Und jeder andere auch, denn dank der Vollverglasung und der durchgehenden Balkone hat man überhaupt keine Privatsphäre. Wenn ihre eigenen Kinder dagegen meutern, vermieten Sie die Hütte einfach für 550 Euro monatlich – Sie finden garantiert einen Dummen!“
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